Dirk Krüssenberg´s Zwischenruf Nr.3 vom 20.03.2020

Liebe Club-Freunde,

die psychologische Infizierung der Kultur mit dem Coronavirus ist laut Concept M, wie ein Erkrankungsgeschehen zu verstehen, das in einer Abfolge von Phasen verläuft.

Phase 1: Inkubation – zwischen Erregung und Bagatellisierung

Im Erleben der Menschen hat die Corona-Epidemie zunächst als weit entferntes Medienthema stattgefunden. Die Einschätzungen zur Corona-Krise haben ständig geschwankt zwischen „Es wird alles viel zu leichtgenommen“ vs. „alles aufgebauscht und übertrieben“. Die Unfassbarkeit des Virus und seine Eigenheit, infektiös zu sein ohne sichtbare Krankheitszeichen, führen zur Ausbildung einer gespaltenen, fundamental verunsicherten Wahrnehmung: Die Gefahr ist weit weg und gleichzeitig schon mitten unter uns. Der schwelende Zustand der Inkubation hat in den Medien, in den Gesprächen untereinander und in den eigenen Gedanken immer mehr Raum eingenommen.

Phase 2: Panik und Agieren – Einsetzen von Kampf-Flucht Reflexen

Die schwelende Unruhe ist regelmäßig in Anflüge von Panik übergegangen, wenn erste Fälle das direkte lokale Umfeld erreichen, was in den Ländern sukzessive zwischen Mitte Januar und Ende Februar eintrat. Die Panik entspricht dem Rückfall auf Kampf-Flucht-Reflexe. Angst und Angststarre schlagen ständig in Ausagieren um.

Der Umgang mit der latenten Panik unterscheidet sich auf individueller und gesellschaftlicher Ebene in drei Formen: (1) Massives Ausagieren in Zwängen, Hamsterkäufen und Meidungsverhalten. (2) Wirtschaftliche Existenzängste schlagen um in Kurzschlussreaktionen (siehe Börsencrashs). (3) Panik nicht an sich ranlassen und duldsam aussitzen.

Phase 3: Isolation und Depression – zwischen Distanzgewinn und Ungewissheit

Das letzte Mittel gegen die komplett unkontrollierte Ausbreitung des Virus ist die soziale Distanzierung. Es gelingt, die Infektion zumindest zu verlangsamen, wenn einzelne Personen beziehungsweise Familien konsequent zu Hause bleiben. In China wird die Isolation durch den Staat gezielt mit digitaler Überwachungstechnologie organisiert, etwa mit Chip-Karten, die für den Zugang zu und Ausgang aus Apartment-Blocks erforderlich sind.

In den Interviews zeigen sich gemischte Reaktionen auf die staatlich angeordnete Isolation. Die häusliche Isolation wird als Übergang in den manifesten Krisen- und Kriegszustand erlebt. Man geht gewissermaßen in den Bunker und wartet ab, bis der Sturm beziehungsweise Angriff vorbei ist. Mit dem Rückzug ergreift man endlich konsequente Maßnahmen und kommt aus dem Panik-Modus heraus. Zugleich berichten die chinesischen und italienischen Testpersonen, dass die soziale Isolation bei fortbestehender Ungewissheit stark belastend ist.

Phase 4: Neubesinnung – unerwartete Freiräume und neue Perspektiven

Zugleich bietet die unfreiwillige Auszeit vom bisherigen sozialen Alltagsbetrieb neue Freiräume und Spielräume. Die Ruhe und Entschleunigung in den eigenen vier Wänden ist wohltuend. Familien rücken enger zusammen und stellen fest, dass man das erste Mal seit Jahren wieder “tiefe Gespräche” führt. Aus China wird berichtet, dass man in der erzwungenen Home-Office-Situation erstmals eine neue Selbstständigkeit gegenüber seinem Arbeitgeber einübt. Während man bislang im Großraumbüro daran gewöhnt ist, dass der Chef alle halbe Stunde über die Schulter guckt, übernimmt man jetzt die Verantwortung für den eigenen Arbeitsfortschritt.

In lahm gelegten Kleinunternehmen, die von der einsetzenden Corona-Rezession betroffen sind, nutzt man die Zwangspause für liegengebliebene Inventuren oder das Überdenken der eigenen Geschäftsstrategie.

Phase 5: Erholung und Normalisierung – erleichternder Neubeginn

Bisher ist nur in China die Phase der Wiederherstellung erreicht.
Nach dem Rückgang der Fallzahlen und der gelungenen Eindämmung der Pandemie kehren die Menschen auf die Straßen zurück und nehmen wieder am Alltagsaustausch teil. Die Wiederherstellung des normalen Betriebs geht nicht reibungslos vonstatten. Geschäftsverbindungen sind unterbrochen, im Lehrstoff der Schule klaffen Lücken. Dennoch herrscht in China aktuell Erleichterung. Das Schlimmste scheint überwunden zu sein.
Der Rückweg zur Normalität ist frei.

Passt auf Euch auf und bleibt gesund!

Ihr & Euer

Dirk Krüssenberg