Wie es uns gelingen wird, die digitale Transformation erfolgreich zu gestalten

Autor: Dr. Rahmyn Kress, CDO und Vorsitzender des Digitalen Executive Committee bei Henkel

Die digitale Transformation ist mit enormen Chancen, aber auch mit gewaltigen Herausforderungen für Gesellschaft und Unternehmen verbunden. Nur, wenn Unternehmen dem digitalen Wandel mutig, innovativ und offen gegenüberstehen, wird er für sie zu einer Erfolgsgeschichte, ist sich Dr. Rahmyn Kress sicher. In seinem Gastbeitrag erklärt der CDO von Henkel, wie die Innovationsplattform Henkel X den Grundstein für die digitale Transformation des globalen Konzerns aus Düsseldorf legt und andere Unternehmen inspirieren möchte.

Digitalisierung beeinflusst jeden Teil der Gesellschaft und durchdringt zunehmend unseren Alltag. Heute sind laut dem Statistischen Bundesamt 90% der Menschen in Deutschland online. Die Zahlen des Onlinehandels steigen stetig – auch nach Jahren ungebrochenen Wachstums, laut dem Handelsverband Deutschland allein im Jahr 2017 mit einem Wachstum von 10,5%. Die Fortschritte im Bereich Industrie 4.0 stellen nicht nur bei Henkel fundamentale Transformationen mit ungeahnten Wertschöpfungs- und Nachhaltigkeitspotenzialen dar. Insgesamt wird die digitale Transformation als eine der größten Umbrüche unserer Zeit weiter voranschreiten. Das erfordert Umdenken und Unternehmertum. Wir werden völlig anders arbeiten (müssen), weil beschleunigte Prozessabläufe, engere Netzwerke und veränderte Kundenanforderungen traditionelle Geschäftsmodelle auf den Kopf stellen.  

Mit Henkel X antworten wir auf diese Anforderungen. Eine der strategischen Prioritäten von Henkel ist die Beschleunigung der Digitalisierung. Wir wollen die digitale Transformation aktiv mitgestalten, um von ihr nachhaltig profitieren zu können. Wir haben Henkel X gegründet, um die unternehmerische Transformation zu beschleunigen, unsere Innovationspotentiale zu fördern und die Beziehungen zu unseren Kunden und Verbrauchern zu stärken. Der digitale Wandel bei Henkel entfaltet sich in drei Horizonten. Erstens werden wir unser Kerngeschäft mithilfe digitaler Technologie optimieren. Zweitens werden wir innovative Wege für die Interaktion mit Geschäftspartnern und Kunden entwickeln sowie unsere Produkte und Dienstleistungen fortschreitend digitalisieren. Drittens werden wir mit disruptiven Ansätzen Technologien schaffen, die unsere bestehenden Prozesse und Geschäftsmodelle neu erfinden.
Mein Team und ich arbeiten dabei mit allen Bereichen im Unternehmen zusammen, um digitale Innovationen voranzutreiben. In unserem Konsumentengeschäft – also im Bereich Beauty Care und Laundry & Home Care – geht es zum Beispiel um Themen wie das „Internet of Things“, personalisierte oder nachhaltige Produkte und Services. Im Industriegeschäft des Bereichs Adhesive Technologies stehen Technologie-Innovationen wie 3D-Druck, funktionale Beschichtungen oder gedruckte Elektronik im Vordergrund.

Henkel X – ein digitales Ökosystem
Doch allein geht es nicht. Ich bin überzeugt, dass wir Unternehmen wie Henkel nur in der Zusammenarbeit mit externen Partnern erfolgreich durch die Herausforderungen der digitalen Disruption steuern können. Wir müssen uns öffnen und andere einbeziehen – unsere eigenen Kollegen, externe Mentoren, Gründer, Forschung und Lehre, Industrie- und Handelspartner und sogar Wettbewerber. Als ein digitales Ökosystem bringt Henkel X unsere internen Experten mit der Innovationskraft externer Partner zusammen, um gemeinsam an aussichtsreichen Zukunftstechnologien und neuen Geschäftsmodellen zu arbeiten. Einmal im Monat laden wir vielversprechende Start-ups ein, ihre Ideen bei Henkel vorzustellen und wichtige Impulse einzubringen, um so mit uns Probleme zu lösen. Wir wollen gemeinsam mit den Gründern an neuen Entwicklungen arbeiten sowie mit ihren innovativen Technologien und Ideen neue Opportunitäten erschließen und unsere bestehenden Prozesse verbessern. Um mehr Wert für alle Seiten zu schaffen, vernetzen wir die Start-Ups mit unseren Kollegen, Partnern und externen Mentoren aus unserem Mentorship-Club.
Gleichzeitig müssen wir die digitale Transformation nach innen tragen und zu einer ganzheitlichen unternehmerischen Transformation machen. In der Zukunft wird jedes Unternehmen ein Technologie-Unternehmen sein (müssen). Mehr noch als die richtige Technologie wird eine neue digitale Kultur des Denkens und Zusammenarbeitens entscheidend sein. Investitionen in Schulungs- und Entwicklungsprogramme zur Digitalisierung für unsere Mitarbeiter, kollaborative Arbeitsplätze oder agiles Projektmanagement sind nur einige Initiativen, die wir engagiert vorantreiben. Wir müssen aber realistisch bleiben – es braucht Zeit und viel Kraft. Nicht jeder steht Veränderung offen gegenüber. Daher ist es wichtig, dass wir als Führungsteam mit gutem Beispiel voran gehen.

Vom Produkt zum Erlebnis
Die Notwendigkeit einer unternehmerischen und kulturellen Transformation wird allerdings gemeinhin unterbewertet. Viele Manager planen in Zyklen von zwei, drei Jahren – wir müssen mindestens zehn Jahre in die Zukunft denken! Einige zögerliche Unternehmen könnte es inmitten des schnellen Wandels im Jahr 2029 nicht mehr geben, während heute unbekannte Aufsteiger die digitalen Lücken des Markts erobern werden. Der Fortschritt ist unausweichlich und wird jedes Unternehmen in ein IoT-Geschäft transformieren. Die Digitalisierung wird Produkte genauso wie die Art ihres Verkaufs verändern. Schon heute erweitern Unternehmen ihren Fokus vom Produkt auf den Service. Der stationäre Einzelhandel rüstet sich in der Kombination aus erlebnisorientierten physischen und datengetriebenen digitalen Elementen gegen den Onlinehandel und beweist, dass eine offensiv angegangene digitale Transformation bei aller Herausforderung große Chancen bietet. Im Marketing werden Künstliche Intelligenz, Virtuelle Realität oder datengetriebene Erkenntnisse aus dem Kundenservice für eine immer stärker personalisierte und dynamischere Kundenkommunikation genutzt. Vorausschauende Unternehmen bereiten sich jetzt auf die anstehenden Herausforderungen vor. So etwas wie eine „kleine“ digitale Transformation gibt es nicht! Sie ist auch nie abgeschlossen. Inmitten der Veränderung ist es wichtig, die Privatsphäre und das Vertrauen unserer Kunden aufrecht zu erhalten, indem wir verantwortungsvoll mit ihren Daten umgehen. Nach 20 Jahren Internet haben wir nun die Chance und Aufgabe zugleich, Künstliche Intelligenz effizient und verantwortungsvoll einzusetzen. Gemeinsam mit unseren Industriepartnern und der Politik müssen wir diese Möglichkeit gestalten und die Spielregeln definieren.

Wir müssen umdenken
„Wir haben die Möglichkeiten für ein digitales Wirtschaftswunder. Die Frage ist, ob es in Deutschland stattfindet.“ Das sagte Angela Merkel 2014 und diese Aussage ist aktueller denn je. Deutschlands Wirtschaftsgeschichte ist reich an Erfindungen und unser Land ist weltweit führend in der Hightech-Fertigung traditioneller Branchen. Doch gleichzeitig hinkt unser Technologiesektor hinter Innovationen aus dem Silicon Valley, London, Israel oder Skandinavien hinterher. Wie schaffen wir ein solches fruchtbares und innovatives Umfeld, in dem wir unsere Ideen auf unsere Art und Weise verwirklichen und gedeihen lassen können? Wir müssen uns auf unsere Stärken konzentrieren, ohne dabei aus Risikoscheu an Altbewährtem festzuhalten. Im Gegenteil: Nur, wenn wir unsere Branchen für die Disruption öffnen und sie aktiv mitgestalten, können wir mit führenden Märkten wie China oder den Vereinigten Staaten konkurrieren, ja besser noch kooperieren. Hier fehlt es uns oft an Mut und Experimentierbereitschaft. Zusätzlich müssen wir eine europäische Technologieplattform schaffen, auf deren gemeinschaftlicher Basis fortführende Innovationen entwickelt werden können. Wir haben in Europa Aufholbedarf in Sachen Technologie. Auch die finanziellen Mittel sind nicht immer für jedes Unternehmen in gleicher Weise verfügbar. Aus diesen Gründen sollten wir uns im Rahmen einer gemeinsamen Plattform zuerst darum bemühen, den Markt um seine strukturellen Ungleichheiten zu bereinigen und allen Teilnehmern die gleichen Möglichkeiten einzuräumen. Dazu müssen die Unternehmen den Markt in den Fokus stellen und nicht nur die eigene Organisation. Erst, wenn alle Unternehmen in einem fairen Wettbewerb miteinander konkurrieren, wird sich der Markt weiterentwickeln und den Verbrauchern die notwendige Vielfalt und Auswahl bieten können. Entscheidend sind auch die Rahmenbedingungen des digitalen Wirtschaftens in Europa, Deutschland und den regionalen Ansiedlungsorten. Die komplexen Einflussfaktoren reichen von Steuersystemen, Investitionen in Infrastruktur und Produktentwicklung über Aus- und Weiterbildung bis hin zur Regulierung von Unternehmensgründungen.

Wir sind, bei Henkel wie in Deutschland und Europa, bereits auf einem guten Weg in eine erfolgreiche digitale Zukunft. Die digitale Transformation wird uns insbesondere als eine unternehmerische und kulturelle Transformation herausfordern. Nicht die passende und innovative Technologie allein wird über unseren Erfolg entscheiden, sondern ein kultureller Wandel. Die Transformation erfolgt digital, aber nur mit und für die Menschen.
 

Zum Autor: Dr. Rahmyn Kress ist Chief Digital Officer und Vorsitzender des Digitalen Executive Committee bei Henkel, dem 142 Jahre alten Industrie- und Konsumgüterhersteller mit Hauptsitz in Düsseldorf. Er verfügt über mehr als 25 Jahre Berufserfahrung in der Entwicklung und Umsetzung von Digitalstrategien und umfangreiche internationale Expertise in verschiedenen Branchen. Seit 2010 war er in verschiedenen Führungspositionen bei Accenture tätig – als CEO und Präsident von Digiplug, einer digitalen Tochtergesellschaft von Accenture im Bereich digitaler Lieferketten, als Managing Director Telecom, Media & Technology sowie zuletzt als Managing Director von Accenture Technology Ecosystems & Ventures in Europa. Davor war er Senior Vice President für Physical and Digital Operations bei der Universal Music Group, wo er umfangreiche Erfahrung im Bereich der digitalen Transformation der Medienindustrie sammelte.